Wie 12 Handwerker am Tag 1 einer Übernahme durch Post-Merger-Integration begeistert werden
- Jakob Hysek
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Stell dir vor, du kommst morgens zur Arbeit und findest zwei Dinge heraus: Dein langjähriger Chef verabschiedet sich in den Ruhestand – und dein Betrieb wurde gerade von einem größeren Unternehmen übernommen.

Genau in dieser hochemotionalen Situation befanden sich die 12 Fachkräfte der Gebhardt Dach und mehr GmbH Anfang 2026.
M&A (im Handwerk) ist sensible Beziehungsarbeit.
Wenn ein kleines Handwerksunternehmen von einer größeren, auf Industrie-Flachdächer spezialisierten Firma wie Schlosser Dachbau akquiriert wird, prallen Welten aufeinander. Wie nimmt man den Mitarbeitern die Existenzangst und verwandelt Skepsis in Aufbruchstimmung?
Felix, Inhaber und Geschäftsführer von Schlosser Dachbau, wählte einen radikalen, aber genialen Weg:
Einen transparenten Integrationsworkshop direkt am Tag 1. Hier ist die Story eines außergewöhnlichen Tages, der zeigt, wie gelungene Post-Merger-Integration im Handwerk heute aussehen kann:
08:00 Uhr: Kalter Kaffee? Von wegen. Ein emotionaler Kaltstart.
Als die 12 Handwerker morgens den Workshopraum betraten, war die Stimmung angespannt. Sie wussten nicht, warum sie zum Betrieb eines Konkurrenten kommen sollten. Nervosität und Skepsis lagen im Raum.
Der Start begegnete dieser Skepsis mit Offenheit. Gleich zu Beginn wurde die "Story der Integration“ mittels einer sogenannten 3-P-Slide vorgestellt: Purpose, Picture, Plan (Sinn, Zielbild, Plan).
Die Botschaft war glasklar:
Schlosser Dachbau will mit der Gebhardt GmbH regional expandieren und den Standort als starken Satelliten nutzen. Das Wichtigste dabei? Die 12 Fachkräfte vor Ort. Sie sind das Herzstück dieser Akquisition. Das Team bleibt zusammen.
Danach wurden bei Kaffee und einer Betriebsführung erste Fragen geklärt. Es gab kein langes Herumreden; die Situation wurde klar angesprochen und das Warum erklärt.
09:00 Uhr: „Was macht uns stark?“ – Dem Stolz ein Gesicht geben
Nachdem die erste Überraschung verdaut war, ging es an die Substanz. Auf Moderationskarten sammelte das Team seine Kernstärken:
starker Zusammenhalt im Team
hohe Flexibilität und echte Improvisationskraft auf der Baustelle
herausragende Qualität der Arbeit, wenn umsetzbar
Felix machte unmissverständlich deutlich: Genau diese Fähigkeiten sind „nicht verhandelbare Erfolgsfaktoren“, die unbedingt bewahrt werden müssen. Es ging nicht darum, alles plattzuwalzen, sondern das neue Team mit seinen Stärken zu integrieren.
10:00 Uhr: Die Stunde der Wahrheit – Wo es im Alltag wirklich hakt
Gemeinsam wurde eine "High-Level End-to-End-Prozesslandkarte" erstellt, die alle Ereignisse, Arbeitsschritte und Verantwortlichkeiten eines typischen Projekts visualisiert. Danach durften die Handwerker mit grünen und roten Punkten bewerten, wie ihr Alltag aktuell wirklich aussieht.
Das Ergebnis war eindeutig. Ein Meer aus roten Punkten sammelte sich bei den Themen:
Baustellen- und Projektplanung
Materialbestellung
Baustellenlogistik
Was in vielen Workshops initial zu Frust führt, sorgte hier für den großen Aha-Moment des Tages. Denn genau in diesen Bereichen – der professionellen Logistik im Hintergrund und einem starken Einkauf – liegen die (Prozess-)Stärken von Schlosser Dachbau.
11:45 Uhr: Die große Erleichterung – Struktur als Befreiungsschlag
In der anschließenden Erarbeitung von Soll-Prozessen und Quick Wins wendete sich das Blatt endgültig. Anstatt die neue „Struktur“ zu fürchten, erkannten die 12 Handwerker darin die Chance einer enormen Entlastung.
Das Team wünscht sich ausdrücklich, die familiäre Kultur zu behalten, lechzt aber nach einer geordneten Teamstruktur. Per Dot-Voting wurden erste Maßnahmen beschlossen: Künftig wird es eine klare Rollenverteilung mit dedizierter Projekt- und Bauleitung geben.
Aufgaben, Zuständigkeiten und administrative Tätigkeiten, die den Handwerkern früher wertvolle Zeit und Nerven auf der Baustelle raubten, werden nun von einer professionellen Struktur im Hintergrund aufgefangen.
15:00 Uhr: Spielregeln, Meilensteine und ein verblüfftes Fazit
Nachdem am Nachmittag konkrete Konfliktmomente analysiert , eine Mini-RACI-Matrix (Wer entscheidet was?) gebaut und die Integrations-Roadmap für die nächsten 0 bis 3 Monate fixiert worden waren, folgte um 15:45 Uhr die Abschlussrunde.
Das abschließende „Blitzlicht“ offenbarte eine emotionale Kehrtwende. Wo morgens noch Angst und Verschlossenheit herrschten, machten sich nun Erleichterung, Begeisterung und auch ein bisschen Überraschung breit. Keiner der 12 Handwerker hatte in seiner Laufbahn je ein solches Training oder ein so hohes Maß an Wertschätzung am ersten Tag erlebt.
Das Team ging nicht nur mit einem klaren Fahrplan nach Hause, sondern vor allem mit dem Gefühl:
Hier hat uns jemand zugehört. Hier will uns jemand nicht verändern, sondern uns den Rücken freihalten.
Post-Merger-Integration done right: Das Fazit für die Praxis:
M&A im Handwerk scheitert selten an Zahlen, Daten oder Fakten – sondern an der Kultur und mangelnder Kommunikation. Schlosser Dachbau hat gezeigt, wie man den Faktor Mensch von Sekunde 1 an in den Mittelpunkt stellt:
Wenn man die Sorgen der Belegschaft ernst nimmt und Strukturen nicht als Kontrollinstrument, sondern als Service und Entlastung für die Männer und Frauen auf der Baustelle positioniert, wird aus einer Übernahme eine echte Erfolgsgeschichte.
Über mich
Nach über zehn Jahren im internationalen Software- und Start-up-Business kenne ich den Leistungsdruck moderner Karrieren aus eigener Erfahrung.
Als systemischer Coach & Milizsoldat weiß ich, wie wichtig klare Kommunikation, Verantwortung und Vertrauen für funktionierende Teams sind.
Deshalb habe ich mich entschlossen, Teams und Einzelpersonen dabei zu unterstützen, ihre Zusammenarbeit zu verbessern, Konflikte zu lösen und Motivation wieder spürbar zu machen – pragmatisch, menschlich und mit Freude an der Entwicklung.
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